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Kudo21
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from Kudo21 on 09/20/2010 06:43 PM

von Markus Bey | 17. September 2010, 17:39

Werfen wir zum Wochenausklang noch einen Blick auf die Cover-Seiten der türkischen Satireblätter. Nach fünf Tagen Siegestaumel der konservativ-islamischen Regierungspartei AKP über das geglückte Referendum zur Verfassungsänderung präsentieren Girgir (Spaß), Uykusuz (Schlaflos) und Penguen (Pinguin) den Premierminister in mehr oder minder verfänglichen Situationen.



Girgir, die älteste unter den populären Satirezeitschriften, die 1972 nach Putsch Nummer Zwei auf dem Markt kam, zeigt Tayyip Erdogan im magischen Moment des Triumphs - als Te-Man mit einer Keule. Auf den ersten Blick gleich verständlich ist das nur für jene etwas jüngeren Leser, die in den 1980er-Jahren im Kinderzimmer mit der Mattel-Figur He-Man und anderen Gestalten der "Masters of the Universe"-Serie hantierten oder für Eltern, die den Bildungsprozess ihres Nachwuchses im Kreis der Helden von fernen Planeten begleiteten.

Te-Man Tayyip Erdogan sagt nach der Auszählung der Stimmen beim Referendum den Spruch auf, der He-Man stets fantastische Kräfte bescherte: "Bei der Macht von Grayskull - ich habe die Macht!" Zur Erläuterung steht in der Kopfzeile: "Tayyip hat auch die Justiz in der Hand." Das bezieht sich auf jene geänderten Artikel in der türkischen Verfassung, die dem Parlament künftig das Recht zur Wahl einer gewissen Zahl von Richtern in den Höchstgerichten des Staates geben. Im Parlament hat Erdogans AKP die absolute Mehrheit.

Hinter Te-Man, der nicht ganz so im Saft steht wie der muskulöse He-Man, schwebt das Helferlein Orko mit dem Gesicht von Vizepräsident Bülent Arinc. "Jene Tage sind vorbei!", ruft er aus. Arinc hatte das tatsächlich gesagt und wandte sich dabei an die Armeegeneräle, deren Einfluss auf die Politik und die Gerichte durch die geänderte Verfassung kleiner wird.




Uykusuz, das jüngste der Satireblätter, 2007 nach dem Abmarsch einer Reihe von Zeichnern von Penguen gegründet, ist auf seiner Titelseite diese Woche schon sehr viel analytischer. "Zieht die Klagen zurück, oder ich schneide meinem Kind die Kehle durch!", droht der ältere Herr mit dem Messer. Bei dem wild gewordenen Pensionisten handelt es sich um Kenan Evren, dem Chef der Militärjunta, die sich am 12. September 1980 an die Macht geputscht hatte, und der sich später mit Hilfe der maßgeschneiderten Verfassung zum Präsidenten wählen ließ (1982-1989).

Mit diesem dritten Putsch in der Geschichte der türkischen Republik verhält es sich so, dass er die politische Linke zerstörte, die nationalistische Rechte gängelte und den islamisch inspirierten Politikern am Ende den Weg an die Macht bahnte. Das erwies sich für die Putschgeneräle schon einmal als Fehler, denn beim Verfassungsreferendum am vergangenen Wochenende fiel auch der Straffreiheits-Artikel, den sich die Junta genehmigt hatte. Die Kopfzeile auf dem Uykusuz-Cover erklärt dann auch: "Zivilgesellschaftliche Vereine haben begonnen, Strafanzeige gegen Kenan Evren, den Führer der Militärbewegung vom 12. September, zu erstatten, der den Aufstieg und die Entwicklung des politischen Islam in der Türkei bewerkstelligte." Das "Kind", dem Evran das Messer unter die Kehle setzt, ist natürlich Erdogan.



Noch gemeiner ist die Titelseite von Penguen: "Soll ich Ahmet Kaya einlegen, mein Herr?", fragt der Fahrer. Erdogan mag nicht: "Nein, nein, spiel irgendwas Leichtes". Dazu muss man zunächst die tragische Geschichte von Ahmet Kaya kennen, einem sehr populären türkisch-kurdischen Sänger, der wegen seiner linken politischen Überzeugungen immer wieder Probleme mit dem Staat hatte. Bei einem Gala-Abend 1999 aber war seine Karriere abrupt zu Ende: Kaya, der an jenem Abend mit einem türkischen Staatspreis ausgezeichnet werden sollte, sprach in seiner Rede von der "kurdischen Realität", die das Land akzeptieren müsse. Der Führer der PKK, Abdullah Öcalan, war in jenen Tagen auf der Flucht und sollte kurze Zeit später festgenommen werden. Kaya aber löste auf dem Gala-Abend einen unglaublichen Sturm der Entrüstung aus; eine Sängerkollegin war ihr Besteck auf ihn. Kaya verließ bald das Land und starb ein Jahr später in Paris.

Während seiner Kampagne für die Verfassungsänderung drückte der türkische Regierungschef Tayyip Erdogan nun mehrmals auf die Tränendüse. Bei einem Fernsehauftritt kurz vor der Stimmabgabe zeigte sich der Premier wieder sehr gerührt und kämpfte mit den Tränen, als ein Lied von Ahmet Kaya gespielt wurde. Danach erhielt er von den Wahlurnen das Ergebnis, das er wollte, so heißt es in der erklärenden Zeile über der Zeichnung von Penguen. Erdogan versuchte nämlich die kurdischen Wähler zu umgarnen, damit sie nicht dem Boykottaufruf der Kurdenpartei BDP folgten. Das hat zwar nur zum Teil geklappt, aber das Ergebnis des Referendums stimmte am Ende für Erdogan.

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